Gepostet von am Dec 27, 2011 in Kurzgeschichten | Kommentare deaktiviert für Ein Korn für Afrika

Wie lange ich schon unterwegs war wusste ich nicht. Ich hörte das Rattern und Knattern unter mir und es schüttelte mich ganz schön durch auf dieser staubigen Ladefläche zwischen den vielen Säcken. In einem von ihnen wurden meine Schwestern und Brüder gefangen gehalten. Durch eine Ritze der Plane sah ich den Nachthimmel und, um mich von der Tortur der langen holprigen Fahrt zu erlösen, träumte ich mich zurück in meine Jugendzeit, wo ich mit meinen Geschwistern geborgen in einem Halm heranwuchs, so wie die Sterne sich in den Nachthimmel schmiegten.

Als ich aufwachte fühlte ich mich endlos gerädert. Um ein Haar wäre ich zu spät erwacht. Nackte braune Füsse sprangen auf der Ladefläche herum und warfen die Säcke mit meinen gefangenen Geschwistern auf einen Karren. In letzter Sekunde konnte ich mich an den letzten Sack hängen um mit ihm, in seinem dumpfen Schlag, auf dem Karren zu landen. Land und Menschen flogen an mir vorbei als ich über den Rand des Karrens lugte, mich an dem Sack voll mit Leben krallte und staunte. Was für eine Welt. Seit auf uns herumgedroschen worden war und ich dem Schicksal des Sackes entkam, hatte ich so etwas nicht gesehen. Alles was ich bis dahin gekannt hatte war unser Halm, unser Heim auf unserem feuchten Feld. Schon die Reise ins Dorf auf die Tenne unter den Dreschflegel war ein Abenteuer sondergleichen. Ich freute mich, wie schlau ich doch sei, als ich den Händen der Häscher und ihren Rechen und Besen entkommen war. Doch die Freude dauerte nicht lang. Ich musste mitansehen wie sie die Säcke mit meinen hilflos schreienden Schwestern und Brüder füllten und wie gnadenlos die Säcke zugenäht wurden. Konnte ich sie im Stich lassen? Niemals! Also hängte ich mich an die Fasern eines der Säcke und landete auf der Ladefläche des alten klapprigen Lastwagens und nun hing ich sozusagen an der Reling dieses nächsten holprigen Karrens und liess die Welt an mir vorbeiziehen während mir vom wilden Geschaukel übel wurde. Wild aussehende Menschen und Tiere flogen an mir vorbei. Wild erschienen sie mir im Gegensatz zur Beschaulichkeit die ich bis dahin gekannt hatte. Dann hörte ich lautes Geschrei und Gekreisch. Ich sah hinauf in den Himmel. Im strahlenden Blau flogen weisse, grosse Vögel mit grauschwarz endenden Schwingen und stiessen wilde Schreie aus. So furchterregend, dass ich mich tief in die Falten des sicherheitsversprechenden Sackes grub und nicht sah auf welchen riesigen Eisenkoloss wir nun gehievt wurden. Alle Säcke auf eins, in einer grossen Kiste an langen Seilen baumelnd, wurden wir durch die Luft getragen und landeten im Bauch eines riesigen Frachters. Dann wurde es dunkel und während langen Tagen des Schaukelns sah ich nichts als diese Dunkelheit.

Ich glaubte schon gar nicht mehr an ein Leben ausserhalb dieser Dunkelheit, da wurde die grosse Luke aufgerissen. Doch anstatt strahlendes Sonnenlicht sah ich in dunkelgraue Wolken, die wie schmutzige Watte im Himmel hingen, und spürte heimatliche Gefühle, als ein dicker Regentropfen mich traf und gegen einen der Säcke schwemmte. In rettender Sekunde wie ich feststellen musste, denn schon wurden wir wieder durch die Luft getragen und in ein eisernes Monstrum auf Schienen geladen. Nun ging es durch eine grüne Welt voller seltsamer Dinge. Räder die sich im Wind drehten, Sonne die kaum schien, Wasser das in Kristallen vom Himmel fiel dazu eine Kälte und Geräusche wie ich sie nie zuvor im Leben gekannt hatte. Es schien als ob die Luft von diesen Geräuschen erfüllt nie zum Stillstand käme. Wie sehr trauerte ich da dem beschaulichen Leben auf dem Felde nach und sehnte mich nach meiner warmen Heimat. Doch das leise Wimmern meiner Geschwister hiess mich festkrallen und um keinen Preis von diesem einen Sack abzufallen.

Nach langer Fahrt kamen wir an wie mir schien. Sollte das unsere neue Heimat werden? Ein riesiger Turm in den meine Geschwister und alle anderen hineingesogen und hinaufgewirbelt wurden. Mir wurde schwindlig nur schon beim hin sehen, aber nichts konnte mich dazu bewegen miteinzusteigen in diese wilde Fahrt. Ein Windstoss blies mich hinein in eine riesige Halle in der ich nichts sah als Reishaufen und grosse, schöne Säcke prall gefüllt mit Reis. Daneben lagen Berge von alten Kleidern der Reiskörner und ganz oben auf einem dieser riesigen Hügel sah ich die Kleider meiner Geschwister. Was hatten sie ihnen angetan, die dicken Menschen mit ihren Maschinen, hier in der Fremde? Ich war mehr als erschrocken und rief verzweifelt nach meinen Schwestern und Brüdern. Es war offenbar mein Schicksal ihnen zu folgen, denn von all diesen Säcken die aus der Halle nun hinausgetragen wurden, stellte ein plumper Mensch gerade den Sack mit meinen Geschwistern, die ich verzweifelt um Hilfe rufen hörte, auf mir ab. So konnte ich mich festklammern und auch wenn der Sack tonnenschwer auf mir lastete, so war ich doch bei ihnen. Ein kurzer Weg durch regennasses Grau und ich landete unter dem Sack auf eiskaltem Metall. In Ungewissheit und erneut in der Schwärze der Dunkelheit gefangen.

Ich hörte Rumoren und Quietschen, seltsame brummende Geräusche und nach einiger Zeit wurden endlich die Säcke wieder bewegt, so dass ich aus meinem Gefängnis befreit wurde. Ich fühlte mich wie gerädert, als die schwere Last des Sackes von mir genommen wurde. Doch der Druck verflog schnell als ich, nun aussen am Sack Platz genommen, durch die Ladeluke eines riesigen silbernen Vogels geschoben wurde. Einen solchen hatte ich noch nie zuvor gesehen und ich hatte zum ersten Mal auf dieser Reise wirklich grosse Angst. Im Bauch eines Vogels zu sein erschien mir ein schweres Schicksal, denn hier nun würde also mein Leben enden. So dachte ich, nicht ahnend, dass ein Vogel aus Metall keine Reiskörner verdaute. Nachdem sich mein erster Schreck gelegt hatte stellte ich fest, dass wir fliegen mussten. Kein Holpern, kein Knattern aber ein Dröhnen und ein Sirren wie ich es nur von der Luft kannte. Wir flogen also durch die Luft. Es war bitter kalt, so kalt wie noch nie zuvor in meinem Leben, kälter als in der grauen Wolkenwatte dieses Landes in dem Wasserkristalle zu Boden fielen, und ich konnte die Sterne nur erahnen durch die wir hindurchflogen. Vorbei an Sonne und Mond dachte ich und wunderte mich, wo wir wohl hinkämen nach so einem langen Flug. Träumend stellte ich mir den silbernen Vogel vor, wie er durch den nächtlichen Himmel flog und die Mühen der Erde weit unter sich liessen.

Die Sonne brannte in einer Hitze hernieder wie ich sie nie zuvor erfahren hatte. Wir waren in Afrika hatte ich die Menschen sagen hören. Einmal mehr wurden wir, ich ängstlich an meinem Sack festgeklammert als gäbe es kein Morgen, auf einen Lastwagen verladen. Jetzt konnte ich mich endlich entspannen. Diese Art der Reise kannte ich ja schon. Doch das Metall auf das ich fiel war heiss, so heiss dass ich beinahe anbriet. Mit einem entsetzten Schrei klammerte ich mich an den mir kühl scheinenden weissen Sack. So fuhren wir durch dieses Land das sie Afrika nannten. Der Staub erzählte seine Geschichte von grosser Dürre, ausgetrocknet nach Wasser lechzend umhüllte er alles und jeden den es hierher verschlug. Wir holperten über staubige Strassen und sahen in einfache Tücher gehüllte Menschen ausgemergelte Kinder auf ihren Armen tragen und Tiere denen die Haut auf ihren Knochen einzutrocknen schienen. Sie blökten nach Wasser, doch die Menschen hatten nur noch ihren grossen leeren Blick im Lauf der dem Schicksal folgte. So kamen wir vorbei an mehr als halb verlassenen Dörfern, denn die Menschen zogen in langen barfüssernen Schlangen mit ihren wenigen Habseligkeiten der Strasse entlang. Im wenigen Gepäck auch die Hoffnung auf weniger Hunger. Der Boden voller Risse und erstarrte in der Trockenheit unter der sengenden Sonne die gnadenlos vom Himmel schien und kein Fitzelchen grün lugte aus ihm hervor. Wir fuhren eine lange Zeit und ich konnte nicht mehr hinsehen auf dieses unvorstellbare Elend. Ich dachte an die wassergefüllten Felder meiner Heimat und die rundlich knubbligen Kinder die ich dort gesehen hatte, aber auch an die dicken Menschen in dem Land voller Wolken und Regen. Meine Geschwister hatten aufgehört zu Weinen. Es schien als ob die Hitze auch sie zum Schweigen gebracht hatte, so wie die vielen Menschen hier auf ihrer Flucht vor Nichts. Ab und zu erschrak ich, denn ich hörte ein Knattern und Rattern in der Ferne das mir anders schien als alles Knattern und Rattern das ich bis anhin gehört hatte. Dann hielt unser Wagen oft an und auch die Menschenschlange stand kurz still. Maschinengewehre hörte ich die Menschen sagen. Das verstand ich nicht. Doch dann ging alles weiter, seinen hoffnungsvollen Gang ins Hoffnungslose und so lange es weiterging war ich es zufrieden.

Als unser Gefährt hielt, sah ich eine endlose Zeltstadt aus Lumpen mit Menschen in staubigen Lumpen soweit mein Blick reichte. Diese Menschen liefen nicht nur in Schlangen, sie standen auch in Schlangen und zwar vor unserem Lastwagen. Und so wurde ich mit dem Sack in dem meine Geschwister immer noch gefangen waren von dem Wagen in ausgemergelte, zähe dunkle Hände gegeben die uns davon trugen. Da lag ich nun im Elend dieser Menschen und auf einmal wusste ich was ich zu tun hatte. Kaum wurde der Sack von den knochigen Händen geöffnet schlüpfte ich hinein zu meinen nackten Geschwistern. Unsere Freude des Wiedersehens war gross und wie staunten sie, als ich ihnen von den Wundern dieser Welt und den Abenteuern meiner Reise mit ihnen erzählte. Als die Hand in den Sack griff um eine Hand voll Reis zu schöpfen, versteckten sich meine Geschwister ängstlich doch ich sprach: „Meine Schwestern und Brüder. Wir sind ein Teil des Wunders dieser Welt. Wir können eine Winzigkeit des Leids dieser Menschen lindern indem wir uns opfern. Lasst uns also unser Schicksal mutig erfüllen, denn gegessen werden wir eines Tages ohnehin.“ Sie hörten mich und verstanden mich und so sprangen wir gemeinsam mutig in die geöffnete Hand die uns aus dem Sack schöpfte. Ohne Jammern ertrugen wir gemeinsam das Bad im kochenden Wasser und umarmten uns, als wir von drei Fingern in einen hungrigen Mund gesteckt wurden. Dann wurde es schwarz um uns und wir hofften, dass unser kleiner Beitrag einen Nutzen stiften würde.

© Carolyn Pini, 2011