Gepostet von am Dez 21, 2010 in Kurzgeschichten | Kommentare deaktiviert für Zeckweg

Der Zeck ist weg

Auf einem Grashalm sitzt, am Rand des frühlinglichten Waldes, ein kleiner Zeck. Durch das regennasse Grün er krabbelt. Der Regentropen an der Spitze blitzt. Alleine ist er nur, von Brüdern keine Spur.

Lange krabbelt er so durch das hohe Gras. Er frisst, geniesst und schweigt. Den dunklen Schatten sieht er fallen, doch viel zu spät.

Da sitzt er nun plötzlich in einem Glas.

Kopf und Bein stösst er sich, verzweifelt krabbelnd, an der glatten Wand. Er denkt an seine Jungend, als Larve erst und dann im Nymphenland.

Er ist ein alter Zeck, mit Mut, der spricht: „Ich muss hier weg.“

 

 

Weckruf des Zeck

So reist der Zeck, von seinem Fleck, in einem Glas durch die Natur. Eine Hand an riesiger Gestalt, ihn in einem grossen Sack verstaut. Dem armen Zeck es graut.

Nach vielen Tagen, da platzt dem Zeck der Kragen. Auf einer Fensterbank steht das Glas fest und still. Doch dann ergibt es sich des Zecken Will.

Es fällt und zerschellt.

Wie freut sich da der Zeck: „Jetzt bin ich endlich weg.“

Er lässt sich aus dem Fenster fallen, landet weich und warm.

Was frisst er da mit Hochgenuss?

Es dringt hinein in ihn –  direkt in seinen Darm.

Borreliose heisst die Chose.

 

 

Zeck im Weg

So sei es drum – jetzt hat der Zeck ein Bakterium.

Dem Zeck das Reisen sehr gefällt, nun will er weiter durch die Welt. Er springt auf eine kleine Maus. Er trinkt ihr Blut und findet Reisen gut.

Sie kommen an ein grosses Meer. Spricht der Zeck: „Da hinüber schwimm ich nimmermehr!“

Und wie die Maus an Borreliose stirbt, da sucht der Zeck nach einem neuen Wirt.

Hoch in der Luft sieht er einen Vogel fliegen.

Der Zeck ruft: „Komm und trag mich sicher über das Wasserwiegen.“

Doch was der Zeck hat nicht bedacht – ein Peck und der Zeck ist weg.

 

© Carolyn Pini, 2010